Besuch aus Israel
Am 2. Juni besuchte uns (nach 2018 bereits zum zweiten Mal) Micha Cohn aus Israel und berichtete Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften von seiner Mutter, die einst in unsere Schule ging. Zwei Tage nach dem Besuch schickte er uns folgenden Text:
„Zusammen mit meinen beiden Brüdern und zwei weiteren entfernten Cousins (aus den USA) habe ich Ihre Schule besucht – die Schule, an der unsere Mutter, Annemarie Oettinger, zwischen 1915 und 1928 gelernt hat. Unsere Mutter liebte diese Schule sehr und hatte dort viele christliche und jüdische Freundinnen. Sie studierte anschließend Medizin an der Universität, fühlte sich dort jedoch plötzlich ausgegrenzt. Ihre besten Freundinnen mieden sie und wollten keinerlei Kontakt mehr zu ihr haben.
Als sie ihr praktisches Jahr absolvieren wollte, durfte sie dies nur im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg tun. Doch im August 1935, nach Abschluss ihres Praktikums, wurde ihr aufgrund der Rassengesetze der Doktortitel verweigert. Es wurde ihr zudem verboten, Patienten zu behandeln und im medizinischen Bereich tätig zu sein. Aus diesem Grund war sie (zu ihrem Glück) gezwungen, Deutschland zu verlassen und nach Palästina auszuwandern.
Bei unserem gestrigen Besuch haben wir außerdem entdeckt, dass auch ihre Cousine, Elisabeth Lotte Oettinger, mit ihr in derselben Klasse gelernt hat. (Für sie liegt vor dem HLG ein Stolperstein.)
Elisabeth heiratete ihren Cousin Friedrich Fritz Oettinger, zu dessen Gedenken am 3. Juni 2026 ein Stolperstein vor dem Johanneum gelegt wurde. 1934 emigrierte das Paar aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in die Niederlande, wo sie drei Kinder bekamen. Ein Mädchen starb kurz nach der Geburt. Am 16. Mai 1940, mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande, beging die gesamte Familie Selbstmord.
Liebe Schülerinnen und Schüler, solche Vorfälle dürfen sich nicht wiederholen! Wir Erwachsenen und ihr jungen Menschen müsst jede Form von Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Religion bekämpfen!
Im Namen meiner Brüder und Cousins sowie mir selbst möchte ich der Schulleitung dafür danken, dass sie uns eingeladen und uns die Möglichkeit gegeben hat, mit der jüngeren Generation zu sprechen.
Ich mich nochmals ganz herzlich für den herzlichen Empfang bedanken, den wir in Ihrer Schule erfahren durften. Besonders berührt hat mich, dass nach der Zeremonie so viele Schülerinnen und Schüler zur Bühne kamen, um mir Fragen zu stellen.“
Micha Cohn, Sohn der ehemaligen HLG-Schülerin Annemarie Oettinger, lebt in Israel; ebenso seine beiden Brüder Gershon und Hanan, die zusammen mit Micha Cohn das HLG am 2.6.26 besuchten.







